"Ich fühlte mich so leicht und frei"

VDA-Austauschschüler berichtet über seine Erfahrungen nach einem einjährigen Aufenthalt in Chile

Für André Schiffner, 17, Schüler am Hanns-Eisler-Gymnasium in Halle-Trotha, war der einjährige Aufenthalt in Chile eine Erfahrung fürs Leben. Über das Jugendaustauschprogramm des VDA war er im Sommer vergangenen Jahres nach Santago geflogen, hat dort bei einer Gastfamilie gewohnt und die Deutsche Schule besucht. Noch vor seiner Rückreise in die Heimat erhielten wir von ihm nachstehenden Bericht:

Ein Jahr kann lang sein. Wenn man es aber auf das Maß aller Tage bezieht, die bis jetzt verstrichen sind, das heißt vom Tag der Abreise aus Deutschland, der Ankunft hier in Chile bis zum jetzigen Moment, kommt es mir vor, als hätte ich gestern die Spannung und Aufregung gefühlt, wie sie genau vor einem Jahr war. Eine Rückschau auf diese Zeit läßt mich auf ein ereignisreiches, unvergeßliches und zugleich über die eigenen Grenzen hinaus reichendes Jahr blicken. Ein Jahr, das für mich ein prägendes war - und immer sein wird.

Wenn es um die Fragen geht: Lohnt es sich denn, einen Schüleraustausch zu machen? Nützt er mir was? Oder einfach nur: Wie soll man sich das Ganze vorstellen? Die Antworten auf diese Fragen muß jeder für sich selbst geben bzw. finden. Ich habe das auch getan und bereue es nicht.

Lohnen tut sich ein Schüleraustausch immer, egal wie lange und wohin. Gerade in diesem Alter sieht man die Dinge ganz anders als zum Beispiel auf der Uni. Ich sage mir immer, daß ich im Moment ein zweites Leben habe, hier in Chile. Dieses Leben beinhaltet ein Großteil der Erfahrungen, die man im "richtigen" Leben erst später macht, wenn überhaupt. Damit meine ich: Schon alleine der Flug (ca. 17 Stunden) ist etwas Besonderes. Man fliegt zwar mit der Gruppe, die begleitet wird, aber irgendwie hat man doch das Gefühl, auf sich selbst gestellt zu sein - und das ist gut. Dann kommt man in eine Familie, die man noch nicht kennt, aber die für einen gewissen Zeitraum die eigene ersetzen wird. Man geht auf eine Schule, die einen den Ganzen Tag beansprucht, also von 8 bis 16 Uhr. Das mag vielleicht schrecklich klingen, aber genau das zeigt auch einen der Unterschiede hier. Und ihr könnt mir glauben, man übersteht es.

Wie in vielen anderen Ländern gibt es auch hier Unterschiede, nicht nur kulturell. Man merkt sie aber erst nach genauerem Hinsehen. Hier ist vieles privat, so etwa Schulen, Krankenhäuser oder Versicherungen, sogar die Uni muß man teuer bezahlen. Alles kostet Geld, was aber ein Großteil der Bevölkerung nicht hat. Klar, es gibt öffentliche Schulen oder Krankenhäuser, aber diese sind mitunter für eine "gute" Zukunft nicht ausreichend. All dies hört oder sieht man vielleicht im Fernsehen, aber hier bekommt man es hautnah mit. Da habe ich erst gemerkt, wie gut es mir normalerweise in Deutschland geht, ich meine, alles ist so unkompliziert. Dies sind alles Erkenntnisse, die einen zum Nachdenken anregen.

 Trozdem, es ist die unkomplizierte Lebensart und vor allem die Mentalität der Menschen in Chile, die ich bei uns in Deutschland vermisse. Ich fühlte mich so leicht und frei, habe einfach jeden Tag genossen. Man wird angesprochen oder eingeladen, also man geht aufeinander zu, obwohl man das nicht immer von den anderen erwarten sollte. Manchmal muß man auch Eigeninitiative zeigen. Mit der Zeit lernt man auch die Sprache, aber wie so viele Dinge wird das einem nicht in den Schoß gelegt. Zumindest bekommt man mit der Zeit ein Gefühl bzw. Interesse für Spanisch, was einen zum Lernen anregt. Und wenn nicht hier, dann vielleicht in Deutschland.

Nun ist es ja so, daß im Rückblick die "guten Dinge" überwiegen. Klar gibt es manchmal auch Probleme, es kann nie alles glatt laufen, aber "Probleme sind dazu da, um gelöst zu werden, und diese Konfrontationen helfen einem dann in irgend einer Weise später.

Das sind alles Erfahrungen, die ich hier in Chile machen darf, und genau diese Erfahrungen wünsche ich meinem Gastbruder bei mir zu Hause in Deutschland. Denn darin besteht der Austausch. Dies sind Sachen, die man nicht erklären kann, man muß sie erleben, und das ermöglicht ein Austausch in ein absolut vielseitiges, einzigartiges Land, ein Austausch in ein anderes Leben. Für mich war er eine Bereicherung fürs ganze Leben, und diese Erfahrung kann einem niemand nehmen.

André Schiffner













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