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von Stefan Ehrlich, Frankfurt (Oder)
Im Jahr 2004 nahm ich am VDA-Jugendaustausch mit Chile teil, genauer gesagt lebte ich bei Familie Zwanzger in La Unión, im schönen Süden Chiles. Ich muss weit zurückgreifen. Chile war schon lange mein Lieblingsland, das liegt wohl an der eigenartigen Geographie: Chile erstreckt sich ja bekanntlich über 3600 Kilometer "chiliförmig" über den südamerikanischen Kontinent. Zum Schüleraustausch kam ich, weil ich als Schülersprecher an meinem Gymnasium Werbung für den VDA gemacht hatte und plötzlich eine Freundin eine chilenische Austauschschülerin mit in die Schule brachte. Wir freundeten uns an und ich lernte schon damals einiges über Chile. Dann kam mir die Idee, auch am Austausch teilzunehmen, wobei das noch ein wenig Überzeugungskraft kostete, bis ich auch meine Eltern dafür begeistern konnte.
Es war ein großer Schritt für mich, denn bis dahin hatte ich weder Europa noch Deutschland für so lange Zeit verlassen, und dann in ein Land, dessen Sprache ich nicht sprechen konnte. Aber ganz alleine war ich nicht: meine Schulfreundin kam ja auch mit. Die siebzehn Stunden Flug waren voller Aufregung und Anspannung. Wie werde ich aufgenommen? Versteht man mich überhaupt? Außerdem war ich Vegetarier und das kann in Chile wirklich zum Problem werden! (Bei meiner Familie jedoch nicht, sie nahmen es fassungslos hin und ich bekam das beste Gemüse und den besten Fisch des Landes!) Schließlich, nach weiteren zwölf Stunden Busfahrt, wurde ich sehr herzlich in meiner chilenischen Familie mit dem deutschen Nachnamen aufgenommen und so war es kein Wunder, dass sich eine sehr enge Freundschaft zu meinem Gastbruder Christian entwickelte. Wir unternahmen viel, feierten gemeinsam, aber ich lernte auch langsam Spanisch und nach vier Wochen konnte ich schon ein bisschen mehr als „Hola“ und „¿Cómo estás?“. Allerdings gab es sowieso fast keine Kommunikationsprobleme, denn viele Leute, die Schüler, aber auch deren Eltern und Personen, von denen ich es nicht erwartet hatte, sprachen Deutsch. So kommt schon mal in einem Restaurant von der Bedienung die Frage in gebrochenem Deutsch: "Kommen Sie aus Frankfurt? Dort war ich schon!"
Ich hatte das Glück, sehr günstig mit meiner Schulklasse zwei Wochen lang auf Klassenfahrt durch den Norden zu fahren. So lernte ich in den acht Wochen Austausch nicht nur die chilenische Herzlichkeit und Gastfreundschaft, sondern auch viele schöne Orte von Puerto Montt bis Iquique kennen. Den größten Eindruck machte die Atacama-Wüste auf mich. Die Leere, am Horizont kleine Fata-Morganas und auf der anderen Seite die schneebedeckten Fünftausender, dazwischen kleine Oasendörfer. Aber auch die Hafenstadt Puerto Montt hat ihren ganz besonderen Reiz: Das raue Wetter, die herzlich-heiteren Marktfrauen im Hafenviertel Angelmo, die unidentifizierbaren Meeresfrüchte (die leckersten heißen „Locos“, zu deutsch also „Verrückte“), all dies macht das Tor zur Antarktis zu einem ganz besonderen Ort für mich. Ein richtiges Abenteuer war der Familientrip nach Argentinien, das im schmalen Chile ja nie weit weg ist. Von San Martin de los Andes nach Barriloche sollte es gehen, doch es kam anders: Mit dem Pickup durch den Fluss, weil die Brücke nicht mehr stand, leider stecken geblieben und von netten Argentiniern wieder herausgezogen endete die Fahrt vor einem umgestürzten Baum. Und zurück ging es wieder mit den netten Argentiniern durch den Fluss.
Man glaubt es kaum, aber in nur wenigen Wochen war ich am "Ende der Welt", wie man oft Chile tituliert, perfekt integriert, für manche nicht mehr der Gringo aus Alemania, sondern schon annähernd chilenisch. Und trotz meiner mangelhaften Kenntnisse in spanischer Grammatik und Vokabular, eignete ich mir schnell einige der typischen Wörter und Phrasen, die „Chilenismen“, an und lernte mit der Zeit sogar zwei Strophen der chilenischen Nationalhymne.
Zum Abschluss veranstaltete man für uns beiden Thüringer ein chilenisches Abschiedsfest, viele Leute kamen, sogar ein Lamm wurde unseretwegen geschlachtet. Die Gastfreundschaft und Nähe, die wir erlebten, war unbeschreiblich groß und ehrlich, das machte natürlich den Abschied keineswegs leichter, auch wenn mein Gastbruder und viele Schulfreunde im Winter nach Deutschland kommen würden. Mit Tränen in den Augen und überhäuft mit Abschiedsgeschenken verließ ich wieder mit dem Bus den Süden Chiles in Richtung Flughafen Santiago. Die ausgetauschten Telefonnummern, E-Mail-Adressen, die Fotos und Impressionen, die Mitbringsel und das rudimentäre Spanisch mussten dann ununterbrochen die Beziehung zu meinem „Traumland“ aufrechterhalten, denn Christian, mein Gastbruder, sollte erst im Dezember zu uns kommen.
Auch in meiner Familie wurde Christian aufgenommen wie ein Sohn und Bruder, als selbstverständlicher Dank an ihn und seine Familie. Wir erlebten auch in Europa viel zusammen, waren in Süddeutschland und in den Alpenländern, er lernte Skilanglauf im Thüringer Wald und sprach am Ende der Austauschzeit fast fehlerfrei Deutsch.
Die zwölf Wochen, in denen Christian in unserer Familie lebte, waren für alle eine tolle Zeit und eine große Bereicherung, die weder meine Eltern noch mein älterer Bruder je missen wollen.
Ein Jahr später reiste ich nochmals alleine für zwei Wochen nach Santiago und La Unión und konnte dort nicht nur den 18. Geburtstag meines Gastbruders feiern, sondern auch die Licienciatura und den Abschlussball meiner chilenischen Klasse besuchen. Auch heute stehe ich noch mit meiner Familie in Patagonien und einigen Freunden, die nun über viele Universitäten im Land verteilt sind, im Kontakt. Ich denke, der Austausch in Chile und die Zeit mit meinem Gastbruder in Deutschland haben mich mehr als vieles andere in meinem Leben geprägt. Nicht nur die Eindrücke aus Südamerika blieben hängen, ich habe in Chile auch eine ganz andere Betrachtung meiner Heimat erlernt. Wenn man 13 000 Kilometer weg von zuhause über Deutschland spricht, schwillt einem die Brust vor Stolz, nicht zuletzt auch, weil man sich unter vielen stolzen Chilenen befindet. Plötzlich erkennt man, dass Deutschland viel besser von außen aussieht als es von innen scheint. Man entdeckt, dass es die Wartburg, Heidelberg, Weimar, der Kölner Dom und viele andere Orte in Deutschland oder Persönlichkeiten von Beethoven über Luther bis zu Humboldt sind, die uns wirklich berühmt machen und man im Ausland nicht nur unsere schwierige Vergangenheit betrachtet. Diese Erfahrung gehört zu den wichtigsten, die ich in Chile gemacht habe.
Heute schmückt eine chilenische Flagge mein Wohnheimzimmer, ich trinke gerne einen Pisco Sour und höre auch manchmal eine Cueca. Beim Studium habe ich nun endlich auch die Möglichkeit, Spanischunterricht zu nehmen und hoffentlich auch ein Auslandssemester in Valdivia zu absolvieren. Obwohl ich nur zehn Wochen in Chile verbrachte, ist es mein Traum, zumindest eine längere Zeit in meinem Lieblingsland zu leben und zu arbeiten.
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